Einsatz in der Oper

Porträt Michael Schroth ist Kindermediziner - und ein großer Opernfan. Als Theaterarzt am Staatstheater Nürnberg verbindet er seine beiden Leidenschaften: die Musik und die Medizin.

Mitten im Stück, der zweite Akt von Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" hat gerade begonnen, erhebt sich eine Frau in der ersten Reihe. Sie schwankt ein wenig und schiebt sich an den anderen Zuschauern vorbei Richtung Ausgang. Acht Reihen weiter beobachtet Michael Schroth, was passiert. "Das kam mir gleich komisch vor", erzählt der Theaterarzt. Und während Hänsel und Gretel sich auf der Bühne immer tiefer im Wald verirren, ist Schroth mit zwei Schritten an der Tür und verlässt ebenfalls den Zuschauerraum. Keine Sekunde zu spät. "Die Dame war zusammengebrochen und lag bewusstlos vor den Garderoben", sagt Schroth. "Eine Diabetikerin mit einer schweren Unterzuckerung, wie sich herausstellte." Michael Schroth spritzt ihr Glukose und versorgt sie, bis der Rettungswagen eintrifft. Mindestens einmal pro Woche sitzt Michael Schroth auf seinem Stammplatz im Nürnberger Opernhaus, Reihe 9, Platz 277. Im Hauptberuf ist Schroth Professor für Kinderintensivmedizin und Chefarzt an der Cnopf'schen Kinderklinik in Nürnberg. In der Oper verbindet er seinen Beruf mit seiner großen Leidenschaft, der Musik: Er arbeitet als Theaterarzt. Verstaucht sich eine Opernsängerin den Knöchel oder wird einem Zuschauer plötzlich schlecht, ist Michael Schroth mit dem Notfallrucksack zur Stelle. "Das Ziel ist immer die Erstversorgung, bis Notarzt oder Rettungswagen eintreffen", so der 48-jährige gebürtige Mannheimer. Michael Schroth und seine 20 Kollegen arbeiten ehrenamtlich am Theater. Opernliebhaber Schroth absolviert seinen Dienst natürlich im Opernhaus. Kommt es aber zu einem Notfall im Schauspielhaus nebenan, vibriert sein Handy, und er macht sich auf den Weg. "Wir sind sehr dankbar, dass wir uns auf die Theaterärzte verlassen können", sagt Anne Struckmeyer, Leiterin Besucherservice am Staatstheater Nürnberg. "Natürlich haben wir auch Ersthelfer im Team und Rettungssanitäter der Feuerwehr hinter der Bühne. Doch es ist immer hilfreich, einen Arzt im Theater zu haben, der fachlich mitentscheiden kann, ob ein Zuschauer oder Mitarbeiter bleiben darf, besser nach Hause geht oder im Krankenhaus versorgt werden muss."

Dirigent auf vielen Bühnen

Seit Anfang 2016 ist an jedem Spieltag ein Arzt im Theater. Das war nicht immer so: "Früher haben sich die Kollegen auf eigene Initiative gemeldet, wenn sie im Haus waren, und es gab viele Abende ohne Arzt vor Ort", sagt Schroth. Am Staatstheater Nürnberg laufen pro Saison insgesamt 650 bis 700 Vorstellungen für bis zu 300 000 Besucher. Da ist es sowohl für die Zuschauer als auch für die rund 600 Mitarbeiter beruhigend, einen Arzt in der Nähe zu wissen. Schroth war es ein Anliegen, die Versorgung am Theater besser zu organisieren. Er hat auch dafür gesorgt, dass für die Ärzte immer ein Notfallrucksack an der Pforte bereitsteht - "die gleiche Ausrüstung wie im Rettungswagen". Früher brachte jeder Theaterarzt sein eigenes Equipment mit. "Jetzt haben wir alles da, ob für Intubation, Beatmung oder Schockbekämpfung, und können eine echte Notfallversorgung gewährleisten", sagt Michael Schroth. Regelmäßig bekommt er den aktuellen Spielplan und verteilt die Dienste der Theaterärzte. Seine Kollegen stammen aus allen Fachbereichen, von der Allgemeinmedizin bis zur Orthopädie. "Als Kinderintensivmediziner bin ich der Exot", lacht Schroth, der nach dem Studium eine Zeit lang als Notarzt in Paris gearbeitet hat. Die Musik gehörte schon immer zu seinem Leben. Kurz überlegte er nach dem Abitur, Musiker zu werden. "Aber die Liebe zur Medizin war größer, und der Arztberuf ist besser mit einer Familie zu vereinbaren", sagt der vierfache Vater. Die Musik ließ ihn trotzdem nicht los. "Bis jetzt habe ich an fast jeder Klinik, an der ich arbeitete, ein Orchester mit Kollegen gegründet", erzählt Schroth fast nebenbei. In Erlangen führten sie mit Universitäts-Professoren und Schülern bei der "Prof's Night" Schostakowitschs 5. Sinfonie auf - bei der Erinnerung daran gerät Schroth sofort ins Schwärmen. Er selbst spielt Querflöte, hat aber mit den Jahren eine weitere Leidenschaft entdeckt: das Dirigieren. "Ich gestalte gern", sagt er fast bescheiden.

Der Blick hinter die Kulissen

Michael Schroth fühlt sich auf vielen Bühnen daheim - als Chefarzt in der Klinik, als Orchesterleiter oder Theaterarzt. Wer mit ihm den Bühneneingang links vom Opernhaus betritt, spürt gleich: Es ist für ihn auch nach 20 Jahren als Theaterarzt immer noch etwas Besonderes. Er schaut gerne hinter die Kulissen, mag das geschäftige Treiben rund um die Bühne, die gespannte Atmosphäre, bevor die Vorstellung beginnt - und genießt es, ein Teil davon zu sein. Meist fährt er direkt von der Klinik ins Theater, holt an der Pforte Diensthandy, Ausweis und Notfallrucksack und macht sich auf den Weg zu seinem Platz. Langsam füllen sich die roten Sitze, das Orchester stimmt die Instrumente, das Stimmengewirr wird leiser. Michael Schroth lässt noch einmal den Blick durch den Zuschauerraum schweifen. Wird das heute ein ruhiger Abend? Er weiß es nicht. Der Vorhang hebt sich.

Quelle: HausArzt 17/4, Text von Nadja Katzenberger